Der Kopflose Riese

Jede noch so alltägliche und scheinbar banale Handlung kann für den Phantasten zum Einstieg in ein neues, haarsträubendes Abenteuer werden und dieses Mal fing es ganz harmlos in meiner Küche an.

 

Viele Haushaltsarbeiten haben ja geradezu hypnotische Wirkung, ich genieße das jedes Mal und es kommt mir auch nicht sonderbar vor. Doch nachdem ich drei geschlagene Stunden damit verbracht hatte, den Salatkopf zu putzen und zu zerlegen, wurde selbst mir allmählich mulmig zumute. Vor allem, als ich dann, nach der ganzen Mühe, feststellte, dass der Kopf nicht kleiner, sondern beträchtlich größer wurde und inzwischen schon einen sehr großen Teil der Küche vereinnahmte ...

 

Ein leises aber wohlbekanntes Panikgefühl begann sich in mir auszubreiten. Wo hatte ich den Salatkopf überhaupt erworben? Ich erinnerte mich urplötzlich wieder an den irgendwie verschlagen wirkenden Blick des Händlers auf dem Markt und das Schild an seinem Stand „Frisches Gemüse aus dem Schlossgarten“. 

 

Die berufsbedingte Intuition des Phantasten regte sich nun in mir und obwohl es schon dunkel wurde, machte ich mich unverzüglich auf den Weg.  Denn ich ahnte schon, welches Schloss in diesem Fall gemeint sein könnte.

 

Meine schlimmsten Ahnungen wurden bestätigt, als ich am Flussufer ankam und auf der anderen Seite das Finstere Schloss aufragen sah, Ketten hingen von den Mauern herab und klirrten leise im Wind. In mir machte sich schleichend das Gefühl breit, diesen Ort aus einem Alptraum zu kennen, den ich erst vor kurzem erlebt hatte. Ein sicheres Indiz, dass ich auf der richtigen Spur war, also folgte ich dieser Fährte auf die andere Seite des Flusses. Nachdem ich die Brücke überquert und das anscheinend verlassene Gebäude betreten hatte, wurde mir als geübtem Phantasten beim ersten Blick auf den Garten schnell klar, was hier geschehen war: Der Salatkopf war der Kopf eines Riesen.

 

Und dieser Riese war ganz offensichtlich von dem Schlossherrn, einem berüchtigten Zauberer, mit einem Fluch belegt und im Garten vergraben worden. Nur der Kopf schaute noch eine Weile heraus. Bis er als Salatkopf geerntet und verkauft worden war.

 

Wenn ich jemals wieder in aller Unschuld meinen Salat essen wollte, musste ich diesen Fluch brechen!

 

Glücklicherweise hatte ich den Kopf dabei, obwohl der Transport mich einige Mühe gekostet hatte und ich setzte ihn an die passende Stelle zurück, wobei er mit einem satten Knirschen einrastete.

 

Das freundliche Gesicht des Riesen wandte sich mir in all seiner unschuldigen Offenheit erwartungsvoll lächelnd zu und ich dachte seufzend: Oh nein, auch das noch. Aber es blieb mir nichts anderes übrig. Ich nahm eine Schaufel und grub ihn aus, denn dies war die einzige unfehlbare Methode, den bösen Zauber zu beenden.

 

Die Ausgrabungsaktion dauerte indes mehrere Wochen, wie man sich unschwer vorstellen kann, es handelte sich schließlich um einen Riesen durchschnittlicher Größe. Aber was soll ich sagen, ich hatte damit tatsächlich einen neuen Freund gewonnen. Das wurde mir spätestens klar, als er wenige Tage später vor meiner Wolkenterrasse auftauchte, um mich mit einem Überraschungsbesuch zu erfreuen. Und mir bei dieser Gelegenheit die Überreste des Gemüsebeetes aus dem Schlossgarten vorbeizubringen.

(P.S. Welches leider bei der Ausgrabungsaktion etwas in Mitleidenschaft gezogen worden war.)