Die Reise in das Land hinter der Zeit Teil 2

Dass dieser fremde Mensch auf meiner Terrasse aufgetaucht war, machte mich nun doch etwas nervös, denn normalerweise lebe ich sehr zurückgezogen. Der einzige Besucher in den letzten Wochen war der Riese gewesen und an den hatte ich mich inzwischen gewöhnt.

 

Im Vergleich zu meinem großwüchsigen Freund, wirkte dieser Besucher fast konventionell, immerhin war er in etwa genauso groß wie ich. Da hörte die Ähnlichkeit aber auch schon auf. Der Fremde trug eine dunkelblaue Seemannsjacke, aus deren Tasche hing eine metallene Uhrkette. Eine ebenfalls blaue Schirmmütze saß auf seinem fast kahlen Schädel über einem ergrauten Bart. Das Gesicht war wettergegerbt und faltig. Genau wie seine ganze Gestalt, strahlte es irgendwie Autorität aus. Vor diesem Mann hatte man instinktiv Respekt.

 

Ich machte Anstalten, den Mann zu fragen, wie er auf meine Terrasse gekommen sei, aber er wischte diesen Gesprächseröffnungsversuch meinerseits mit energischer Geste zur Seite und stellte sich als Der Käpt`n vor. Kurze Pause. So als wäre jetzt alles klar und bedürfe keiner weiteren Erklärung. Die auch nicht kam.

 

Stattdessen sah ich nach oben und entdeckte etwas Sonderbares: Meine Terrasse war anscheinend nicht – wie ich bisher angenommen hatte – der obere Teil eines großen Hauses, sondern Bestandteil eines Schiffes. Eines alten Schiffes aus Holz, etwas präziser ausgedrückt. Damit löste sich ein Rätsel, dass mich schon eine Weile beschäftigt hatte, nämlich: wohin führt diese geheimnisvolle Leiter, die im hinteren Teil meiner Terrasse an der „Hauswand“ befestigt war. Sie führte an Deck.

 

Als Phantastonaut war das Sonderbare mein Alltag, also war ich nicht überrascht, wie sich die Dinge entwickelten und es dauerte nicht lange, bis ich mich in ein intensives Gespräch mit dem Käpt`n vertieft wiederfand.

 

Auch dass dieser über meine soeben stattgefundene Reise in das Land hinter der Zeit Bescheid wusste und den Riesen gut zu kennen schien, überraschte mich in keinster Weise. Mich interessierte etwas ganz anderes. Doch leider hatte der Käptn die Gesprächsführung wie selbstverständlich übernommen und machte keine Anstalten, sie an mich abzugeben, also ließ ich dem Gespräch seinen Lauf und erfuhr auf diese Weise viel mehr, als ich mir hätte vorstellen können.

 

„Junger Freund“, begann mein Gegenüber, damit schien er mich zu meinen, „Sie müssen ein wenig Acht geben auf sich. Die Geister aus Ihrer Vergangenheit benehmen sich in Ihrer Gegenwart extrem aufdringlich und respektlos. Wenn die in meiner Mannschaft wären …“ Den Rest ließ er ungesagt aber er runzelte die Stirn und ich erschrak. In der Ferne meinte ich leises Donnergrollen zu hören.

 

Wie ich später erfuhr, konnten viele Geister die Nähe des Käpt`ns nicht ertragen und wirklich sah ich jenseits der Laufplanke, die nach unten auf den Gehweg führte, einige undeutliche, flimmernde Gestalten, die sich dort unbehaglich von einem Fuß auf den anderen tretend, herumdrückten. Ich hatte mir mit meinen Abenteuern in der Vergangenheit offenbar mächtige Feinde gemacht, die sich, ohne dass ich es bemerkte hatte, in meinem Umfeld eingenistet hatten. Der Gegenwart, wie der Käpt`n es ausdrückte.

 

Diese Zeiten schienen nun vorbei zu sein, denn wie ich dem weiteren Gesprächsverlauf entnehmen konnte, war für den Käpt`n völlig klar, dass er ab sofort für mein Wohlergehen verantwortlich war. Keine Widerrede möglich. Das Schiff war auf Kurs und er war immer auf Deck und hatte die Lage im Auge.

 

Des Weiteren erfuhr ich, dass mein Freund der Riese in Wirklichkeit „Grünberg“ hieß. Er konnte selbst nicht sprechen, aber der Käpt`n wusste seinen Namen irgendwoher und kannte auch seinen Wohnort: Im tiefsten Nördlichen Wald, da wo die Bäume riesighoch sind, hatte er am Fuß eines solchen Riesenbaumes seine Höhle. Dort im Herz des Nördlichen Waldes wirkte er nicht wie ein Riese, sondern normalgroß, weswegen er sich dort sehr wohlfühlte. In unserer kleinen Welt, konnte ihn niemand sehen, weil alle Menschen dachten, es gäbe keine Riesen. Auch dies erfuhr ich vom Käpt`n und es schien so, als ob auch ihn und sein Schiff, welches selbstverständlich nicht nur die Seewege, sondern auch die Landstraßen befuhr, aus ähnlichen Gründen niemand sehen konnte.

 

Und dann erklärte mir der Alte, was es mit dem Land hinter der Zeit auf sich hatte. Seinen Worten zufolge gibt es zwei Arten von Zeit. Die „Normzeit“ herrschte mit ihrem Zeitdruck in der Finsteren Stadt und breitete sich von dort immer weiter aus.

 

In dem wunderschönen Land, das ich vom Rande der Finsteren Stadt aus gesehen hatte, gab es nur die Zeit des Herzens und die herrschte nicht, sondern war einfach da für ihre Bewohner. Immer so viel Zeit, wie sie sich zu nehmen bereit waren. Doch dies war eine hohe Kunst.

 

Und indem er seine Taschenuhr zückte, die mir schon gleich zu Anfang unserer Begegnung aufgefallen war, gab mir der Käpt`n zu verstehen, dass es ihm gelungen war, den Zeitdruck an Bord seines Schiffes an die Kette zu legen.

 

 

 

… bald geht es weiter mit der Geschichte …