Die Reise in das Land hinter der Zeit Teil 3

Das Meer Chaos

 

Die Meeresoberfläche zerteilte sich sanft und ich tauchte aus dem warmen, klaren Wasser auf in das helle grün-blaue Licht des Tages. Leuchtende Wassertropfen flogen davon und ein stückweit backbord vor mir sah ich das Schiff des Käpt`ns in der sanften Dünung schaukeln. Er selbst lehnte an der Reling und sah mir beim Auftauchen aus der Tiefe des Ozeans zu. War das etwa ein anerkennendes Lächeln, das kurz seinen Mundwinkel kerbte?

 

Neben ihm bemerkte ich eine Gestalt in Gentleman-Haltung, mit hohem Zylinder, angetan mit einem altmodischen Gehrock, einen Spazierstock in der Hand. Ein vages Gefühl des Erkennens schimmerte in mir auf und verschwand sofort wieder.

 

 

Es war viel geschehen, seit meinem ersten schicksalhaften Zusammentreffen mit dem Käpt`n auf meiner Terrasse und dem sich dabei entwickelnden Gespräch. Selbstverständlich waren wir noch am gleichen Tag in See gestochen, wenn man es denn so nennen möchte, denn wie schon an anderer Stelle angedeutet, bewegte sich das Schiff des Käpt`ns nicht nur auf den Wasser -, sondern auch auf den Landstraßen vorwärts. Unser Ziel war das Land hinter der Zeit.

 

Ich möchte den Leser nun nicht mit einer trivialen Abenteuergeschichte langweilen, desgleichen gibt es an anderer Stelle und in endlosen Variationen nachzulesen. Im Logbuch des Phantastonauten konzentrieren wir uns einfach nur auf die Fakten, kurz und knapp.

 

Wir nahmen also direkt Kurs auf das Finstere Schloss, welches ich in der Vergangenheit leider nur zu gut kennengelernt hatte und gelangten ein weiteres Mal in die Straßen der dahinter liegenden Stadt, die es nun zu durchqueren galt. Im Verlauf dieser langen Reise gab es viele Gefahren zu bestehen und es war mehr als einmal sehr knapp. Ich denke nur an die Straße aus totem Asphalt, in welchem das Schiff stecken blieb wie in Packeis, so dass der Riese uns mit seiner ganzen gewaltigen Kraft herausziehen musste. Wie durch ein Wunder schafften wir es ohne größere Verluste, die Stadt zu durchqueren. Auffällig war die Atmosphäre von Verlassenheit und Leere dort, auch sahen wir keinen der Bewohner, überhaupt nichts Lebendiges. Nur Stein, Staub, leere Straßen.

 

Doch als wir den (vermeindlichen) Stadtrand erreichten, war dort nichts mehr vom wunderschönen Land hinter der Zeit zu sehen, welches ich dort bei meinem letzten Abenteuer entdeckt hatte. Stattdessen erstreckte sich eine endlose Küstenlinie vor uns. Das Meer Chaos, wie mich der Käpt`n in jener schlimmen Stunde mit ernster Stimme informierte. Was war geschehen?

 

Nun, diese Frage blieb vorerst, wie so viele andere, ohne Antwort, stattdessen wurden wir von einem unwiderstehlichen Sog hinaus auf die Hohe See gezogen, wo wir viele Tage ohne Ziel und Richtung herumirrten. Kein Land in Sicht weit und breit. Der Name Meer Chaos kam offensichtlich nicht von ungefähr.

 

Bis ich eines Morgens beschloss, mit einem Kopfsprung mitten hinein ins Meer Chaos unter der Oberfläche desselben selbst nach Antworten zu suchen und damit die Sicherheit des Schiffs hinter bzw. über mir zurückzulassen.

 

Was ich dort unten dann entdeckte, raubte mir schier den Atem. Was nicht aufgrund der Abwesenheit von Luft im Wasser geschah, denn erstaunlicherweise konnte ich unter Wasser ganz normal atmen.

 

Unglaubliche Wesen in großer Zahl bewegten sich dort unten in der Tiefe, der Wal direkt neben dem Schiff übertraf den in einiger Entfernung schwimmenden Riesen schon um ein Vielfaches an Größe. Doch im Vergleich zu dem einige Kilometer weiter draußen das Wasser durchpflügenden Riesenwels war auch er nur ein Zwerg. Erstaunlicherweise hatte ich unter Wasser eine weitaus größere Fernsicht als darüber, die Naturgesetze waren selbstverständlich chaosbedingt außer Kraft gesetzt.

 

In weiter Ferne – und ich meine wirklich weit weit- tummelten sich riesenhafte, schildkrötenartige Geschöpfe im Meer, auf dem Rücken trugen sie mittelgroße Inseln, auf den größeren dieser gigantischen Wesen ruhten ganze Länder. Dies schien mir die Antwort auf die Frage zu sein, wohin das Land, welches wir suchten, verschwunden war. Es war offensichtlich auf dem Rücken einer dieser Riesentiere davongeschwommen.

 

Die Stadt, die wir hinter uns gelassen zu haben glaubten, erstreckte sich auf dem Meeresboden in unendliche Ferne, also hatten wir sie in Wirklichkeit noch gar nicht verlassen, sondern befanden uns mitten in ihr. Sie erstreckte sich auf dem Rücken der größten Schildkröte von allen. Beim Blick zurück zu dem Kontinent, den wir hinter uns gelassen hatten, entdeckte ich, dass seine Grundfeste aus dem Körper einer Riesin bestanden. Einer schwangereren Riesin, etwas präziser ausgedrückt.

 

Das einzige Vertraute, das ich in weiter Ferne erblickte, waren die gewaltigen Umrisse der Bäume des Nördlichen Waldes.

 

Doch obwohl die schiere Größe dessen was ich dort unten sah, mein Fassungsvermögen fast erschöpfte, so war der Gesamteindruck alles andere als chaotisch oder bedrohlich. Ganz im Gegenteil, alles schien harmonisch miteinander verbunden.

 

Das Meer Chaos bildete die Mitte einer großartigen Ordnung, in der alles seinen Platz fand und sich in langsamen Kreisen wie in einem Tanz zu einer wundervollen Musik bewegte. Dabei wurde mir wie selbstverständlich klar, dass das Land hinter der Zeit, welches ich suchte, gar nicht verschwunden oder gar unerreichbar war: ich befand mich offenbar mitten darin. Ohne es bemerkt zu haben. Wie lange wohl schon? Angesichts des Gefühls, mich in der Mitte von all dieser Schönheit zu befinden, war diese Frage aber bedeutungslos.

 

Zeit wieder Aufzutauchen, sagte ich mir und so kam ich zurück an die Oberfläche.