Die Spiegelbrille (Dämonenkunde 001)

 

Einige meiner Leser fragen sich sicherlich, hat ein Phantastonaut eigentlich auch Hobbys, wie z.B. das gute, alte Briefmarkensammeln? Nun ja, selbstverständlich habe ich ein Hobby, es nennt sich Dämonenkunde und ist im Prinzip etwas Ähnliches, wie das Beobachten von Vögeln, welches von vielen Naturfreunden praktiziert wird. Die Dämonenkunde indes weist im Vergleich dazu einige Besonderheiten auf, wie wir gleich sehen werden und ist die ideale Ergänzung zu meiner wissenschaftlichen Forschertätigkeit auf dem Gebiet des Phantastischen.

 

 

Die richtige Ausrüstung ist auch in der Dämonenkunde das A und O. Sicherlich ist nachvollziehbar, dass bei derart gefährlichen Forschungs-Objekten nur hochwertigstes und fachmännisch erprobtes Equipment zum Einsatz kommen darf. Um dies zu gewährleisten, empfiehlt sich die Konsultation eines Unabhängigen Dämonologen, kurz UD genannt.

 

Mein UD hat sein Ladenlokal in einem Industriegebiet am Rande der Stadt. Es befindet sich in einer großen Lagerhalle; warum, werden wir gleich sehen.

 

Leider lebt der gemeine Dämonologe recht gefährlich, denn die meisten Dämonen sind verständlicherweise nicht gut auf ihn zu sprechen. Das bedeutet, dass gewisse elementare Schutzmaßnahmen unumgänglich sind. Da Lärm bekanntlich die bösen Geister vertreibt, ist die Lagerhalle nichts anderes als ein riesengroßer Proberaum, in welchem diverse Rockbands im Rotationssystem musizieren müssen. Maximaler Lautstärkepegel ist Pflicht, alles ist erlaubt außer Kuschelrock oder zu langen Pausen, dafür braucht keine Miete gezahlt zu werden und das Equipment wird gestellt.

 

Das System funktioniert sehr gut, wie ich beim Betreten der Halle feststelle: Der Lärm ist infernalisch und kein Dämon ist zu sehen. Mit einem kurzen Wink zur Bühne durchquere ich die Halle, in deren Mitte ein kleines, altmodisches Haus steht. Der Laden. Ich öffne die Tür und befinde mich in einem Trödelladen, sozusagen dem Allerheiligsten des UD. Hinter der Theke steht derselbe, ein zurückhaltend lächelnder, unscheinbarer Herr, ob seiner gefährlichen Tätigkeit frühzeitig gealtert. Das Ladenlokal ist schallisoliert, doch das bedeutet nicht, dass hier Ruhe herrscht. Nein, hier sehe ich mich dem inneren Verteidigungsgürtel gegen eventuelle Dämonenangriffe gegenüber. Oder besser höre, denn hier läuft permanent das Soundsystem des Ladeninhabers, der eine Vorliebe für experimentellen, modernen Jazz hat. Selbstverständlich ist auch hier größtmögliche Lautstärke ein absolutes Muss.

 

Dieser Umstand macht natürlich die Verständigung im Laden etwas schwierig, so dass ich nun einen schallisolierten Helm aufsetzen muss, der mit einem Funkgerät versehen ist. Und so kann ich in aller Ruhe mit meinem Gegenüber fachsimpeln, welcher ebenfalls einen Helm trägt. Wir werden uns schnell einig, er hat heute eine ganz besondere Gerätschaft für mich im Angebot, eine sogenannte Spiegelbrille.

 

Die Brille sieht von außen völlig normal aus. Allerdings sind die Brillengläser auf der Innenseite verspiegelt, wie man erst beim Aufsetzen feststellen kann. Wie jeder weiß, leben Dämonen bevorzugt im Toten Winkel, so dass sie für den Uneingeweihten nicht wahrnehmbar sind und von diesem Stützpunkt aus unbemerkt ihre unheiligen Werke verrichten können. Dies ändert sich schlagartig, wenn man die Spiegelbrille aufsetzt. Wie mein UD mir erklärt, besteht die Schwierigkeit darin, zu unterscheiden, ob man nur sich selbst, oder einen Dämon sieht. Dies bedarf sehr intensiver, disziplinierter Übung, wie mein Gegenüber mir mit tiefem, der Situation angemessenem Ernst und in bedeutungsschwerem Ton zuraunt. Nicht das ich derartiger Ermahnung bedarf, habe ich doch schon so einige Erfahrung auf diesem Gebiet. Unangenehme Erfahrung, wie ich an dieser Stelle hinzufügen muss.

 

Leider lässt sich die Funktion des Gerätes nicht sofort überprüfen, da das Abwehrsystem des Dämonologen die Anwesenheit eines potentiellen Beobachtungsobjektes verhindern würde. Da sich zwischen uns aber ein langjähriges Vertrauensverhältnis entwickelt hat, nehme ich die Spiegelbrille sozusagen unbesehen mit zu mir nach Hause.

 

Selbstverständlich habe ich dort die Brille nicht sofort aufgesetzt. Eingedenk der Warnung meines UD musste ich zunächst einige Sicherheitsvorkehrungen treffen, eine davon war das Auflegen einer Schallplatte auf meinen Magic-Elpi-Plattenspieler (s. Eintragung im Logbuch des Phantastonauten vom 17. Juli 2020). Die eine Hand behielt ich nun am Lautstärkeregler, um bei Bedarf schnell laut drehen zu können, mit der anderen Hand setzte ich die Brille auf.

 

Wie erwartet, dachte ich im ersten Moment nur mich selbst zu sehen, doch mit zunehmender Klarsicht trübte sich das Bild, bis ich ein schreckliches Wesen hinter mir im Toten Winkel erblickte. Kurz bevor ich die Lautstärke hochfuhr, gelang es dem Dämon noch, mir seine unheilige Botschaft entgegen zu schnauzen: „Arbeiten macht high.“.

 

Da ich über meine Beobachtungen genau Buch führe, habe ich ein Bild dieses Dämons in meiner Kartei abgeheftet. Sein Name lautet aus mir unbekannten Gründen „Uncool Billi“. Ich veröffentliche das Bild hier an dieser Stelle nur unter Vorbehalt und mit allergrößten Bedenken.