Rückkehr in den Nördlichen Wald

Der Weg durch diesen wirklich abgelegenen Teil des Nördlichen Waldes, war kaum noch als solcher zu erkennen. Vor wenigen Jahren noch gehörte dies zu meinen Standard-Spaziergangs-Routen, doch ich war lange nicht mehr hier gewesen. In meiner Erinnerung hatte dieser Teil des Waldes immer ein Gefühl des Vertrautseins in mir ausgelöst, doch davon war nun nichts mehr zu spüren.

In meinem Dasein als Phantast hatte ich selbstverständlich schon viele gefährliche und bedrohliche Situationen erlebt (nachzulesen in meinem „Logbuch des Phantastonauten“), und daran gemessen war die Szenerie, die sich meinem geschulten Auge bot, nicht wirklich angsteinflößend. Nein, was ich hier spürte, war nur eine Unterströmung, etwas Verborgenes: eine Art Verstimmtheit, wie bei einem Instrument, auf welchem zu lange nicht mehr gespielt worden war.

Meine Schritte wurden langsamer und ich begann darüber nachzudenken, wie lange ich schon nicht mehr hier gewesen war. Dabei breitete sich ein Gefühl des Verlustes in mir aus: wie öde und leer erschien mir nun der Teil meines Lebens, den ich im Getümmel der Großen Stadt verbracht hatte. Und hier im Nördlichen Wald war das echte Leben, tiefe Geheimnisse warteten hier auf mich. Und wirklich, allmählich tauchten um mich herum die vertrauten, geheimnisvollen Gestalten auf: Der Fingerhut dort war doch meine alte Bekannte, die Hexenblume. Und das dort hinten, das waren nicht wirklich Bäume, sondern einfach nur verzauberte Baumgeister.

Zu sagen, dass mich der Wald nun begrüßte, wie einen lange verlorenen Freund wäre übertrieben. Aber allmählich spürte ich, dass sich seine dunkle und verzauberte Seele wieder für mich öffnete. Ein Gefühl der Tiefe durchströmte mich, die Sinneseindrücke wurden irgendwie größer, das Sehen, Hören und Riechen, vermischten sich miteinander, verließen ihr anerzogenes Getrenntsein und wurden zu einer einzigen überwältigenden Wahrnehmung.

Ich merkte plötzlich, dass ich stehengeblieben war. Wie lange stand ich schon hier? Die wissenden Blicke der verzauberten Wesen um mich herum legten nahe, dass ich schon eine ganze Weile hier stand und sie allmählich ihre Scheu vor mir verloren. Als ich langsam weiterging, folgten mir ihre Blicke und ich spürte, wie ein Versprechen sich in mir formte, wie ein Aufwachen mitten in der Nacht.

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